Schnee

Auszug aus meiner Geschichte “Schnee”, zu finden in “Lichter im Advent” (erscheint im Rhein Mosel Verlag im Oktober 2018) 

Ich erwache vom Kratzen des Schneepflugs. Schnee! Mein erster Gedanke ist pure Freude. Endlich schneit es mal wieder vor Weihnachten! Weiße Weihnacht! Wie lange haben wir schon keine weiße Weihnacht mehr gehabt! Erinnerungen an meine Kindheit blitzen vor meinem inneren Auge auf. Schneemänner, Iglus, Schneeballschlachten …

Dann durchfährt mich ein anderer Gedanke. Schnee! Genau heute! Wo ich die erste Stunde habe. Den Weg frei räumen, über den steilen Pflasterweg in die Stadt schlittern und mit nassen Schuhen und Strümpfen vor einem Haufen durchgedrehter Kinder stehen, die alles andere im Kopf haben, als Matheübungen zu machen. Ich hasse Schnee! Ich hasse den Winter! Und ich hasse Weihnachten! Am allermeisten weiße Weihnachten!

Am liebsten würde ich einfach in meinem Bett liegen bleiben, ein gutes Buch lesen und den Schnee Schnee sein lassen.

Der Schneepflug kratzt weiter über den Teer. Durch die Jalousien dringt das orange Flackern des Einsatzfahrzeugs. „Notfall! Notfall!“, sagt es. „Raus aus den Federn! An die Arbeit!“ Ich hasse den Schneepflug.

Der Wecker piepst. Ich seufze. Heute ist kein langsames Aufwachen drin, kein gemütliches Frühstück. Dafür steht Schneeschaufeln auf dem Programm.

Ich wälze mich aus dem Bett. Am Fenster luge ich kurz nach draußen. Ein neuer Schreck durchfährt mich. Das ist nicht Schnee! Das ist eine Naturkatastrophe! Beinahe einen halben Meter hoch liegen die Schneemassen auf den Dächern. Vom Himmel fallen vom orangen Blinklicht weiterhin dicke Schneeflocken, groß wie Leintücher. Ich stöhne. Ich hasse Schnee! Ich hasse das flackernde Licht des Einsatzfahrzeugs! Und ich hasse es, den Tag mit harter Arbeit zu beginnen.

Aber es hilft alles nichts. Ich muss. Widerwillig ziehe ich mir warme Kleidung über und verlasse mit einem letzten Seufzen mein Schlafzimmer. Auf der Suche nach der Schneeschaufel stoße ich das Plastikregal um, das im Keller offensichtlich nur darauf gewartet hat, mir diesen Tag weiter zu versauen. Eine Lawine an Schrauben, Muttern und anderen Bastelmaterialien, die noch von meinem Vater hier gelagert sind, ergießt sich über den Boden. Es wird Jahre dauern, bis ich das ganze Kleinzeug wieder aufgeräumt habe! Ich stoße einen deftigen Fluch aus. Einen von der Sorte, für die ich bei meinen Schülern eine Mitteilung nach Hause schicken würde. Dann bahne ich mir einen Weg durch das Gerümpel und greife nach der Schneeschaufel.

Als ich nach draußen trete, ist der Schneepflug verschwunden. Eine gedämpfte Stimmung liegt über der Stadt. Das Brummen von der Autobahn fehlt, auf den Straßen herrscht vollkommene Ruhe. Irgendwoher dringt das gleichmäßige Schaben einer Nachbarschaufel zu mir herüber. Dieses Geräusch scheint die Stille auf seltsame Weise zu verstärken. Das Kind in mir will sich hineinwerfen, einen Schneeengel machen oder sofort mit dem Bau eines Iglus beginnen. Aber die Erwachsene weiß: Ungefähr zehn Meter sind es bis zum Tor. Im Normalfall zwanzig Minuten Arbeit. Heute wird das sicher nicht ausreichen.

Ich mache mich an die Arbeit. Mit der Schaufel grabe ich eine Schneise in den Schnee und zerstöre damit die weiße Unversehrtheit. Schwungvoll schmeiße ich meine Ladung in die Wiese neben dem Gartenweg. Ich setze die Schaufel wieder an. Die Steinplatten auf dem Gartenweg werden sichtbar. Langsam entsteht ein Trampelpfad von meinem Haus Richtung Gartentor.

Nach einer Weile tritt aus dem Haus zu meiner Linken mein Nachbar. Peter heißt er. Auf seinem Gesicht lese ich dieselben Gedanken, die auch mir durch den Kopf schießen. ‚Ich hasse Schnee! Ich hasse den Winter! Ich hasse Schwerstarbeit in aller Hergottsfrüh.‘ In stummem Einverständnis nicken wir uns zu und schaufeln im Gleichtakt. Ich habe einen kleinen Vorsprung, doch er holt schnell auf. Ich merke, wie mich der Ehrgeiz packt. Obwohl meine Arme schmerzen, schaufle ich schneller. Grinsend notiere ich, dass auch er einen Zahn zulegt. „Wer zuletzt am Tor ist, übernimmt den Gehsteig!“, rufe ich neckend hinüber. Er reckt seinen Daumen in die Höhe und gibt Gas. Ich schnaufe, schwitze, … Kleine Wölkchen steigen vor meinem Mund in die Luft. Aber ich schufte, wie ich noch nie in meinem Leben geschuftet habe. Schaufel um Schaufel des weichen Schnees landet in der Wiese, Meter um Meter nähere ich mich dem Tor und beinahe auf die Sekunde gleichzeitig schlagen unsere Schaufeln an die beiden Tore. Wir lachen.

„Gleichstand“, sagt er. Ich nicke außer Atem.

„Und absolut umsonst.“ Er deutet auf seinen Gartenweg, der vom Tor zum Haus führt. Eine weiße Decke hat sich über die Steine gelegt.