Leseprobe

Ein Fall für Lorenz Lovis

 

Ein Graukäse schimmelte im Kühlschrank vor sich hin, daneben lag eine Flasche Bier.

Dann eben nicht, dachte Lorenz Lovis.

Missmutig schloss er die Tür wieder und sah sich in der Küche um. Auf den Anrichten, die Sebastian in den Siebzigern eingebaut hatte, lag jede Menge Staub, aber nichts Essbares. Er hatte vergessen, etwas einzukaufen, als er nach dem Begräbnis tags zuvor kurzerhand beschlossen hatte, die Nacht in seinem ehemaligen Jugendzimmer auf dem Messner Hof zu verbringen.

Sein Blick fiel auf den Stapel mit Gedenkkärtchen. Onkel Sebastian, wie man ihn vor der Krankheit gekannt hatte, lachte ihm entgegen mit Strohhut, der Zahnlücke vorne und tausend Fältchen um die Augen.

Lovis kam es nach wie vor unwirklich vor, dass der Onkel nicht mehr auf seinem angestammten Platz in der Küche saß, einen Zigarettenstummel im Mundwinkel und ein Glas Rotwein vor sich.

Auf dem Herd stand eine Mokkamaschine.

Kaffee ist ein guter Anfang, dachte er, und schraubte die Kanne auf. Der Kaffeesatz darin war geschimmelt. Er kippte ihn in den Müll und spülte den Filter gründlich aus. Die Kaffeedose war leer. Natürlich.

Entnervt fuhr sich Lovis durchs Haar und ließ sich auf einen der weißlackierten Stühle sinken.

Onkel Sebastian war tot.

Auch wenn er es noch so oft dachte, es kam ihm immer noch unwirklich vor.

Es war nicht nur Trauer, die er empfand. Mehr noch erdrückte ihn ein Gefühl völliger Einsamkeit. Nun gab es auf der Welt keinen mehr, zu dem er gehörte.

Mit einem Schwall kalter Luft öffnete sich die Tür und Angelika betrat die Küche. Die junge Frau zog mit der rechten Hand den Reißverschluss ihrer Fließjacke auf, mit der linken wuchtete sie eine Einkaufstüte auf den Tisch. Unwillkürlich musste Lovis grinsen.

Auf Angelikas Brust stand groß und in bunten Lettern „Scheiß auf alles, scheiß auf jeden. Ich bin Reiterin, was dagegen?“  Sie verbreitete einen leichten Stallgeruch. Vermutlich hatte sie ihrem Wallach bereits einen Besuch abgestattet.

"Na, auch schon wach?", fragte sie und kam händereibend auf ihn zu. "Frisch ist es heute wieder. Ist Zeit, dass das Frühjahr endlich anfängt."

Sie legte ihm eine Hand an die Wange und Lovis fuhr zusammen.

"Kalt, ja", brummte er.

"Alles ein bisschen leer ohne ihn", stellte sie mit einem mitfühlenden Blick auf ihn fest.

Er schluckte. "Ich hab das Gefühl, er müsse jeden Moment zur Tür reinkommen, einen Witz reißen ...."

Angelika schob ihn zu einem der Stühle.

"Ich mach uns erstmal ein schönes Frühstück. Mit was Warmem im Magen schaut die Welt schon gleich ein bisschen besser aus."

Sie förderte Kaffee aus ihrer Tüte und befüllte die Mokkamaschine mit dem Pulver.  Brot, Butter und Marmelade folgten und landeten auf dem Tisch vor Lovis. Bald erfüllte der Geruch von frisch aufgebrühtem Kaffee die Küche.

"Was hast du jetzt vor?"

Er seufzte. "Keine Ahnung."

"Der Hof gehört dir."

Er nickte. "Das stimmt."

"Und wirst du dein Versprechen halten oder ...?"

Forschend sah sie ihn an.

Lovis zuckte die Schultern. "Verkaufen vermutlich."

Er sah den enttäuschten Ausdruck auf ihrem Gesicht und versenkte den Blick in seiner Tasse. Was erwartete sie von ihm? Dass er den Hof in den Ruin wirtschaftete. Denn darauf würde es unweigerlich hinauslaufen. Auch wenn er in seiner Jugend seit dem Unfalltod seiner Eltern für drei Jahre auf dem Messner Hof gelebt hatte, hatte er doch null Ahnung davon, was ein Bauer eigentlich tat. Er konnte vielleicht den Stall ausmisten oder bei der Apfelernte helfen, aber das war’s auch schon. Er seufzte.