Leseprobe

Emma kommt zu spät

 

"Also, Emma, hör mal. So geht das wirklich nicht." Die Lehrerin stemmt entrüstet ihre Arme in die Seiten. Sechzehn Augenpaare starren sie ebenso entrüstet an. Emma schaut bockig zu Boden.

"Tschuldigung", murmelt sie.

"Wie oft noch?", fragt die Lehrerin.

Emma zuckt die Achseln.

"Weißt du, wir fangen pünktlich mit dem Unterricht an", sagt die Lehrerin. "Wenn das nicht bald klappt, muss ich deine Eltern in die Schule bestellen."

"Mir doch egal", murmelt Emma.

"Was hast du jetzt gesagt?" Die Lehrerin reißt die Augen ganz weit auf, so erschrocken ist sie über Emmas Ton. 32 Augäpfel kullern fast aus den Augenhöhlen. So darf man mit der Lehrerin doch nicht sprechen!

"Morgen komme ich pünktlich", sagt Emma.

"Das will ich hoffen", sagt die Lehrerin. Ihre Wut ist schon wieder verpufft. "Jetzt setz dich bitte zu uns in den Kreis. Deine Schultasche kannst du später auspacken."

***

Am nächsten Tag ist Emma pünktlich um halb 8 an der Brücke. Von hier aus kann sie den Schulhof überblicken. Eltern und Kinder warten darauf, dass die Lehrerinnen aus dem Tor kommen und die Kinder in Empfang nehmen. Emma wartet an der Brücke hinter einem dicken Baum.

"Na, Kleine", brummte es da hinter ihr. "Hast wohl keine große Lust in die Schule zu gehen, wie?"

Emma dreht sich um. Ein dicker Mann steht hinter ihr. Er raucht eine Zigarette und hält einen kurzbeinigen Hund an der Leine.

"Rauchen ist ungesund", sagt Emma.

"Die Schule schwänzen aber auch", sagt der Mann.

Emma zuckt die Schultern.

"Manchmal ist es gesünder, nicht zur Schule zu gehen, wie?" Der Mann drückt seine Zigarette am Brückengeländer aus. Emma nickt.

Vom Schulhof her ertönt die Schulglocke. Die Kinder stellen sich in ordentlichen Reihen auf und gehen mit den Lehrerinnen hinein. Jetzt könnte Emma auch in die Schule gehen, aber das Problem ist, dass da immer ein paar Kinder zu spät kommen.

Der Hund hebt sein kurzes Bein und pinkelt gegen das Brückengeländer.

"Der Hund hat gemacht", sagt Emma.

"Ist das so?", fragt der Mann gleichgültig. Er schaut auf die Uhr. "Jetzt solltest du wohl langsam auch starten, nicht wahr?"

Emma schüttelt den Kopf. "Es sind noch nicht alle drin."

"Wer alle?"

"Na, alle von meiner alten Klasse."

Der Mann runzelt die Stirn. "Das musst du mir aber erklären."

Und Emma erklärt. Dass sie letztes Jahr in eine andere Klasse gegangen ist. Dass ihre Eltern wollten, dass sie Klasse wechselt.

"Weil so ein schlechtes Lernklima in meiner alten Klasse ist, haben meine Eltern gesagt." Und ein bisschen leiser fügt sie hinzu: "Und weil ich immer Zoff hatte mit einem Mädchen."

"Aha", sagt der Mann. "Und jetzt zicken dich deine ehemaligen Mitschüler an?"

Emma schüttelt den Kopf. "Nein."

"Dann verstehe ich das Problem nicht." Der Mann zündet sich eine neue Zigarette an.

Emma malt mit der Fußspitze einen Kreis in den Sand. Natürlich versteht der Mann das Problem nicht. Sie versteht es ja selbst nicht ganz. Sie weiß nur, dass sie sich schämt, wenn sie ihre alten Mitschüler sieht. Sie muss wegschauen oder so tun, als ob sie die Kinder nicht kennt. Sie fühlt sich wie eine Verräterin.

"Ist eh egal", sagt sie.

Der Mann sagt nichts. Sein Hund schnüffelt an seinem eigenen Pipi. Auf dem Schulhof ist es ruhig geworden. Alle Kinder sind in ihren Klassen. Wenn sich Emma beeilt, schafft sie es noch vor der Lehrerin in die Klasse.

"Ich muss los", sagt sie.

Der Mann nickt. "War nett, mit dir zu plaudern", sagt er.

Emma rennt den Weg hinunter zur Schule. Sie witscht in der Sekunde durch das große Tor, als der Schuldiener es schließen will.