Mord mit Mandelduft

eingereicht beim KaroKrimiPreis 2018

„Kalt ist’s heut wieder“, meinte die dicke Anne und rieb sich die Hände. Der Mandelmax pflichtete ihr bei. Nicht nur, dass eisige Temperaturen herrschten, noch dazu fegte ein schneidender Wind über den Münchner Christkindlmarkt.

„Von wegen Klimaerwärmung“, sagte er und hauchte in seine hohle Hand. „Und das alles nur, damit die Japaner sich den Kitsch von die Chinesen mit nach Haus nehmen können.“

„Hätten s‘ weniger weit, wenn sie direkt nach China fahren würden.“ Die dicke Anna kicherte. Dann wurde ihr Gesicht ernst. „Hast schon g‘hört von dem Max?“

Der Mandelmax kroch noch weiter in den dicken Wollschal hinein, den er sich um den Hals geschlungen hatte und nickte ernst. Der Mord des Aushilfsbuben beim Krambambuli war schon den ganzen Tag im Gespräch gewesen. Heute Morgen hatten sie ihn gefunden. Stocksteif war er in der Hütte des Krambambuli gelegen, das Gesicht verzerrt, als habe er vor seinem Tod wahnsinnige Schmerzen erlitten.

„Mord“, war der lakonische Kommentar des Kripo-Beamten, der ihn als erster untersucht hatte. „I tipp auf Arsen.“

Nur – wer sollte so einen lieben Buben ermorden wollen? Noch dazu mitten auf dem Christkindlmarkt mit Tausenden von Zeugen?

„Möchtst meinen ... und des mitten in München. Als wärma in Palermo oder so.“ Die dicke Anna trat von einem Fuß auf den anderen. „Nach Mandeln soll er übrigens geduftet ham, der Bub.“ Vielsagend wanderte ihr Blick über das Sortiment ihres Budennachbarn. Gebrannte Mandeln, Erdnüsse, Walnüsse gab es da. Der ganze Markt duftete nach den süßen Nüssen.

„Meinst jetzt, dass i der Mörder wär, oder was?“

Der Mandelmax verstand keinen Spaß. „Nur weil der Bub nach Mandeln g’rochn hat? Der ganze Platz riecht nach Mandeln, nicht?“

„Is ja gut“, beschwichtigte ihn die dicke Anna. „War bloß a Scherz.“

„Solche Scherze kannst fei bleiben lassen.“ Der Mandelmax wandte sich ab und machte sich an seinem Sortiment zu schaffen. Von Zeit zu Zeit kamen geknurrte Wortfetzen zur dicken Anna herüber, die ihr verrieten, dass ihr Budennachbar verletzt war.

„Geh komm, Maxl, sei wieder gut. I werd doch net di verdächtigen. Weiß i eh, dass du keiner Fliege was zuleid tun könntst.“

Ein neuerliches Knurren ertönte. Aber es klang schon besänftigter.

„Magst a Glasl?“

Die dicke Anna tauchte ihre Kelle tief in den Glühweintopf und schöpfte eine großzügige Portion in einen Krug. Den Budenverkäufern war es zwar strengstens verboten, während der Arbeit zu trinken, aber an so einem Tag durfte man schon eine Ausnahme machen, fand sie.

…