Das kurze Leben der Aurelia Freiberg

geschrieben am 24. August 2018

 

An dem Tag, an dem Nadine beschloss, berühmt zu werden, regnete es.

Sie saß an der Kassa des Penny-Marktes in der Josefinengasse und scannte die Waren ab, die auf dem Laufband in nie enden wollender Reihe vor ihr auftauchten.

„35 Euro 50“, „19 Euro 21“, „77 Euro 51“, ratterte sie die Preise herunter, die ihr die Kassa ausgerechnet hatte, nahm die Geldscheine entgegen und gab das Restgeld heraus, das ihr wieder die Kassa ausgerechnet hatte. Zwischendrin dachte sie an den Regen, der ihr sicher wieder an die Fensterscheiben ihrer Einzimmerwohnung klatschte und überlegte, ob es nicht angebracht wäre, die Fensterscheiben mit einer Sandstrahlfolie abzudecken – immerhin war die Aussicht sowieso für den Eimer: das Gleis der U2. Wenn die Bahn im Fünf-Minuten-Takt vorbeifuhr zitterten die dünnen Scheiben.

„Fräulein“, riss sie eine ungeduldige Stimme aus ihren Gedanken und sie schaute hoch. Für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sie wieder mechanisch die Waren weiterschob, abscannte, weiterschob. Doch plötzlich wurde ihr Kopf von einer beinahe magischen Kraft hochgezogen und sie sah dem Kunden ins Gesicht und ihr stockte der Atem. Vor ihr stand Gerd Gärber, Autor der Trilogie „Irgendwo müssen doch Menschen sein“ – sie hatte ihn einmal bei einer Autorenlesung gesehen. Gehört hatte sie nichts und gesehen auch nicht wirklich, denn die vor ihr Stehenden hatten ihn verdeckt. Trotzdem hatte sie zwischendurch einen kurzen Blick auf sein Gesicht werfen können. Auf Gärber, den berühmten Schriftsteller, Literaturpreisträger und Aushängeschild Österreichs. Das Buch hatte sie gekauft. Sie hatte auch versucht, es zu lesen. Aber weit war sie nicht gekommen. Die gezierte Sprache, die überkandidelten Ausdrücke, nie enden wollende Sätze hatten sie überfordert und sie hatte das Buch auf das Regal in ihrem Schlafzimmer gestellt – mit dem Cover nach vorn, so dass man es gut sehen konnte. Denn das Cover, fand sie, war hübsch.

Und jetzt stand er da. Vor ihr. An ihrer Kasse. Und wollte, dass sie seine Frage beantwortete. Seine ...?

„Bitte? Ich war in Gedanken“, stammelte Nadine und ihre Wangen brannten.

„Haben Sie auch Telefonkarten?“, fragte Gärber. Schon leicht angesäuert.

Ein schnelles Kopfnicken. Sie deutete auf das Regal neben ihr.

Er nahm eine Karte herunter und reichte sie ihr. Sie starrte ihn an.

„Nun?“

„Krieg ich ein Autogramm?“, fragte sie.

Er: „Krieg ich meine Karte?“

„Natürlich.“ Eilig scannte sie die Karte ein. „15 Euro“, sagte sie.

Er hielt ihr das Geld hin.

„Und das Autogramm?“

Ohne ein Wort drehte er sich um und verschwand durch die Tür. Draußen regnete es noch immer. Nadine fühlte eine traurige Leere in sich aufsteigen. Gärber, DER Gärber, hatte an ihrer Kasse bezahlt und sie mit ein paar unfreundlichen Worten abgespeist.

„Machen‘s Ihnen sich nix draus, Kindchen“, sagte die nächste Kundin, die geduldig mit der Geldkarte in der Hand drauf wartete, dass es weiterging. „Für die Berühmtheiten sind wir alle nur Staub unter ihren Füßen. Ihre Filme und ihre Bücher kaufen, dafür sind wir gut genug. Oder um sie zu wählen. Wenn sie dann ganz oben sind, vergessen sie uns.“ Die alte Frau seufzte.

...

Wie's weitergeht? Mal sehen ...