Ein Dichterleben 2018

geschrieben am 10. August 2018

Beim Literaturwettbewerb “Ein Dichterleben - dichter leben/dicht erleben” des Literaturmagazins zugetextet für die Printausgabe des Magazins Nr. 6/2018 ausgewählt.

 

Von der Decke klimperte ein stetiges Rinnsal auf den aufgespannten Regenschirm und von dort in die Waschschüssel.

 

„Schatz, holst du Max von der Schule?“

Ich atme einmal durch.

Klar hole ich. Ich hole Max von der Schule. Dann hole ich Tina vom Reitunterricht. Ich kaufe ein – meine Ehefrau Tanja hat den Spinat vergessen. Ich jage das Auto durch die Waschstraße und mähe dann Rasen. Dann setze ich mich wieder vor den PC.

… und von dort in die Waschschüssel.

Waschschüssel … Er kaute an seinem Bleistift. Das Klimpern des Wassers auf dem Blech hinderte ihn am Denken und …

„Schatz, bitte kannst du kurz den Kleinen im Auge behalten. Ich muss nochmal los. Den Knoblauch haben wir auch vergessen. Bin in zehn Minuten wieder hier.“

Klar schaue ich auf den Kleinen. Ich schwinge mich vom Sofa, speichere meinen Erguss ab. Aus den zehn Minuten wird schätzungsweise mindestens eine halbe Stunde. Die Rush Hour legt um diese Zeit nicht nur die Straßen, sondern auch die Kassen im Supermarkt lahm.

Der Kleine schaut aus runden Augen aus seinem Gitterbettchen und verzieht das Gesicht zu einem zahnlosen Lächeln.

„Na, du kleiner Hosenscheißer?“, frage ich ihn. „Kann ich’s riskieren, weiter zu schreiben, ohne dass du was anstellst?“

Der Kleine grinst schief und ich beschließe, dass ich es riskieren kann. Ich muss meine tägliche Seite noch schreiben. Meine tägliche Seite, von der ich bis jetzt erst drei Zeilen geschrieben habe.

Kaum habe ich das Zimmer verlassen, greint der Kleine los.

Ich seufze und mache kehrt.

War ja klar.

Lustlos greife ich die Rassel und klappere vor seinem Gesichtchen herum bis er still ist und das bunte Dinge mit den Augen verfolgt. Als ich besonders wild klappere, lacht er. Ich wiederhole das Spiel. In Gedanken bin ich bei meinem armen Poeten, der endlich seinen Roman fertig schreiben will. Seinen Roman, von dem abhängt, ob er im kommenden Winter die Wohnung heizen kann.

Der Kleine greint wieder. Die Rasselsache interessiert ihn nicht mehr. Ich nehme ein anderes Spielzeug hoch, bin aber in Gedanken beim Klimpern des Wassers in der Blechbadewanne.

Das Greinen wird lauter, steigert sich zu einem Weinen, … Schreien.

Ich nehme den Kleinen hoch. Schaue auf die Uhr. Zehn Minuten sind vorbei.

Ich habe erst drei Zeilen geschrieben. Eine Seite soll es werden. Täglich nur eine Seite! Das macht im Jahr 365 Seiten, mit anderen Worten ein akzeptables Buch.

Die zehn Minuten sind um. Das Schreien hat sich zu einem durchdringenden Sirenengeheul gesteigert, das jetzt auch Tina und Max auf den Plan ruft.

„Was hat Matti denn?“, fragt Tina, ganz fürsorgliche Puppenmutti.

„Keine Ahnung“, sage ich wahrheitsgemäß. „Vielleicht hat er Hunger.“

„Oder er hat die Windel voll“, schlägt Max vor.

„Oder das“, sage ich. Ich seufze ergeben, packe den schreienden Matti auf den Wickeltisch und luge seitlich in die Windel.

„Alles klar“, sage ich. „Die Windel ist blütenweiß.“

In dem Moment ertönt ein Furz, begleitet von einem schmerzerfüllten Aufschrei des Kleinen. Dann ist er plötzlich still. Zufrieden schaut er um sich. Ich will ihn wieder in sein Gitterbettchen legen und endlich zu meiner täglichen Seite zurückkehren, da meint Max: „Ich wette, die Windel ist jetzt nicht mehr blütenweiß.“

Ich luge wieder seitlich hinein. Max hat natürlich recht.

Seufzend verschiebe ich meine Dichterbemühungen nach hinten und mache mich daran, das Malheur zu beseitigen während ich unauffällig nach der Uhr schiele. Gleich wird Tanja kommen.

Doch sie kommt nicht.

Sie kommt nicht, während ich Matti alle mir bekannten Kinderlieder vorsinge.

Sie kommt nicht, während ich mit ihm wie ein Verrückter auf dem Gymnastikball herumspringe und sie kommt nicht, während der Zeiger der Küchenuhr langsam auf 18:30 Uhr vorrückt.

Aus den zehn Minuten ist eine Stunde geworden, als sich endlich der Schlüssel im Schloss dreht und Tanja vollbeladen mit Artikeln aus dem Supermarkt die Wohnung betritt.

„Entschuldige, Schatz“, sagt sie ehrlich zerknirscht. „Es ging einfach nicht schneller. Der Stau und dann im Supermarkt! Da war echt der Teufel los. Könntest du nicht nochmal zehn Minuten auf den Kleinen schauen, während ich das Abendessen zaubere?“

Natürlich könnte ich. Tue ich auch. Wir sind ja schließlich ein Team. Und die tägliche Seite kann ich ja auch morgen schreiben. Oder übermorgen. Oder am Wochenende.

Ich seufze.

Nur gut, dass ich einen Brotjob habe. Dass ich mein Geld nicht wie mein Prota durch mein Geschreibsel verdienen muss, sondern dadurch, dass ich von 9 bis 17 Uhr in einem Büro Stempel auf die Ansuchen fremder Menschen drücke. Meine Wohnung ist im Winter kuschelig warm.

Ich schaue auf den Kleinen. Ich füttere den Kleinen, dann wiege ich ihn in den Schlaf. Dann lese ich Max eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Tanja räumt die Küche auf und bringt Tina ins Bett. Dann lassen wir uns beide völlig erledigt aufs Sofa fallen.

„Was hast du heute geschrieben, Schatz?“, fragt sie. „Gibt es wieder was zu lesen?“

„Gleich“, sage ich. „Gib mir fünf Minuten.“

Ich schnappe mir meinen PC, fahre ihn hoch und schreibe die restlichen sechsundzwanzig Zeilen meiner täglichen Seite. Von dem armen Poeten, der sich durch das Klimpern des stetigen Rinnsals auf dem Blech seiner Waschschüssel gestört fühlt, dem die Zehen frieren, weil das Zimmer bitterkalt ist und der nicht weiß, woher er den nächsten Bleistift bekommen soll, wenn dieser zu einem Stummel geschrieben ist.

Die Geräusche im Haus werden leiser. Das Hörspiel, das Tina zum Einschlafen braucht, endet mit einer leisen Musik. Vom Sofa kommt leises Schnarchen. Meine Augen brennen. Ich schalte den Fernseher ab, decke Tanja mit der Fernsehdecke zu und drücke ihr einen leichten Kuss auf die Wange.

Dann fahre ich den PC hinunter.

Eine Seite habe ich geschrieben. Wenn ich das durchziehe, macht das in einem Jahr 365 Seiten, also einen akzeptablen Roman.